„Leuchtturmprojekt“ bereitet Schülerinnen und Schüler auf Kommunalwahl vor
von Sascha Kurzrock
Wenn die Bürgerinnen und Bürger am Sonntag zur Urne gehen, um an der Kommunalwahl teilzunehmen, müssen die Schülerinnen und Schüler der Erich Kästner-Schule zu Hause bleiben – wählen darf man in Hessen erst ab 18. Dass sie für den Fall gewappnet wären, haben sie in der vergangenen Woche bewiesen. Da besuchten acht Politikerinnen und Politiker die EKS, um an der Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl teilzunehmen und sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler zu stellen.
Bereits eine Woche vor der Podiumsdiskussion bereiteten sich die Lernenden an zwei Projekttagen auf ihre politischen Gäste vor. Im ersten Arbeitsabschnitt wurde die Kommunalwahl thematisiert. Auf Grundlage der Informationsbroschüre „Näher als du denkst“, die von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung zur Verfügung gestellt wurde, setzten sich interessierte Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7 mit den Grundlagen der Wahl auseinander.
Der zweite Arbeitsabschnitt begann mit dem Wälzen der Parteiprogramme, parallel dazu wurden kontroverse Thesen der acht teilnehmenden Parteien in Kleingruppen diskutiert. „Lohnt sich die Einführung der Digitalisierung an hessischen Schulen, wenn in Skandinavien wieder aufs Buch zurückgegriffen wird?“, wollten beispielsweise Mariam und Walat wissen. Die zahlreichen Fragen wurden anschließend mit den Lehrkräften durchgesprochen und nach Themen sortiert, um Dopplungen auszuschließen.
Fragen standen auch in der letzten Phase des ersten Projekttages auf der Agenda, an dieser Stelle aber jenseits aller Parteiinteressen. Für den zweiten Projekttag stand nämlich der Besuch von Kommunalpolitikerin Elke Ziepprecht auf dem Programm, die in der Vorbesprechung betonte, den Schülerinnen und Schülern „nicht als FDP-Kandidatin, sondern neutral“ begegnen zu wollen. Im Zentrum des Interesses waren dieses Mal ganz andere Themen, die die Gruppe bewegten: Wie funktioniert Kommunalpolitik? Wie werden die Entscheidungen in den Gremien getroffen? Oder wie lief das eigentlich mit dem Krankenhaus in Homberg ab? Die Antworten sollten sie zum Ende des zweiten Projekttages erhalten, den Anfang machte die Wahlplakatanalyse. So stellten die Lernenden fest, dass das Blau auf dem Plakat der Freien Wählergemeinschaft Homberg eine Bewandtnis hat und dass das „h“ beim Schriftzug „Na(h) klar!“ auf demselben Plakat nicht ohne Grund etwas dunkler gefärbt ist.
Fotos: Fischer
Nach der Frühstückspause wurde ein Gang hochgeschaltet. In Teams wurde darüber diskutiert, ob es eine Wiedereinführung der Wehrpflicht geben sollte und ob ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren sinnvoll wäre. Daraus leiteten die Schülerinnen und Schüler wiederum Fragen an die Parteien ab.
Der Besuch von Elke Ziepprecht und die anschließende Reflexionsrunde bildeten den Abschluss der beiden Projekttage, die äußerst produktiv waren. „Die Schülerinnen und Schüler haben an den beiden Projekttagen konzentriert und interessiert gearbeitet, sodass eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen der Kommunalwahl möglich war“, bilanzierte Lehrerin Lisa Breitenbach, die das „Machwerk“ für eine gute Standortwahl hielt: „Dieser außerschulische Lernort wurde von den Schülerinnen und Schülern sehr wertschätzend angenommen.“ Die Stadt Homberg hatte der Erich Kästner-Schule den Raum in der Untergasse kostenlos zur Verfügung gestellt. Neu war zudem, dass die Teilnahme an der
Podiumsdiskussion freiwillig war und damit nur interessierte Schülerinnen und Schülern dabei waren. „Das ist motivierend“, äußerte sich eine Teinehmerin.
Der Mittwoch der darauffolgenden Woche belegte, wie gut die Schülerinnen und Schüler gearbeitet hatten. Die inzwischen zur Tradition gewordene Podiumsdiskussion, die 2021 zum ersten Mal an der Erich Kästner-Schule stattfand und seither mindestens einmal jährlich durchgeführt wird, lockte wieder namhafte Politikerinnen und Politiker an den Schlesierweg. So waren neben CDU-Spitzenkandidat Michael Schär die beiden Landtagsabgeordneten Wiebke Knell (FDP) und Christoph Sippel (Grüne) zu Gast. Sebastian Schackert (Die Linke), Martin Graefe (Freie Wähler) und Peter Völker (AfD) sind für die Schülerinnen und Schüler inzwischen bekannte Gesichter, ihre Premiere an der EKS feierten dagegen Achim Jäger (FWG) und Luca Fritsch (SPD).
Im ersten Durchgang stellten sich Sebastian Schackert, Michael Schär, Christoph Sippel und Achim Jäger den Fragen den Schülerinnen und Schülern. Besonders das Thema „Bildung“ spielte dabei eine wichtige Rolle und nahm die meiste Zeit ein. Insgesamt herrschte zwischen den Parteien bei den meisten Fragen Einigkeit, sodass die Diskussion von großer Sachlichkeit geprägt war.
In der zweiten Runde wurde es hitziger. Die Bildung stand bei den Schülerinnen und Schülern abermals hoch im Kurs. Bereits die erste Antwort von Peter Völker (AfD) sorgte nicht nur bei Wiebke Knell, Martin Graefe und Luca Fritsch für kontroverse Gegenreaktionen, auch die Schülerinnen und Schüler waren gleich auf Betriebstemperatur. So entstand eine völlig andere Gesprächskultur als im ersten Durchgang, eine Gegebenheit, die Martin Graefe von den Freien Wählern wohlwollend zur Kenntnis nahm: „Die Tatsache, dass sich die Schüler nicht mit allgemeinen Phrasen zufriedengeben, sondern nachhaken, wenn sich ein Teilnehmer missverständlich ausdrückt, finde ich besonders spannend“, sagte er im Nachgang.
Fotos: Fischer
Die beiden kurzweiligen Diskussionsrunden sorgten dafür, dass einige Fragen auf der Strecke blieben und erst gar nicht gestellt werden konnten. Dieser Wermutstropfen trübte aber nicht das Gesamtbild der Veranstaltung, die bei allen Beteiligten äußerst positiv in Erinnerung bleiben sollte: „Die Podiumsdiskussion an der Erich Kästner-Schule ist zu einem Leuchtturmprojekt geworden“, lobte Sebastian Schackert. Wiebke Knell hob die Leistung der Lernenden heraus: „Besonders beeindruckt hat mich das große Interesse und die sehr gute Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler“, sagte die FDP-Politikerin und resümierte: „Die Podiumsdiskussion an der Erich Kästner-Schule hat mir große Freude gemacht.“ Ähnlich äußerte sich Luca Fritsch: „Die Schülerinnen und Schüler haben gezeigt, wie viel Interesse und Engagement in ihnen steckt. Die Fragen waren klug, kritisch und sehr gut vorbereitet. Das ist auch ein Verdienst der Lehrerinnen und Lehrer.“ An die ging auch der Dank von Achim Jäger: „Ein herzlicher Dank geht an das ausrichtende Team von Lehrerinnen und Lehrern, insbesondere an Herrn Sascha Kurzrock, sowie an die Schulleitung für die Unterstützung solcher Formate.“
Zum Abschluss sprach Achim Jäger noch etwas an, was immer wieder diskutiert wird – die Politikverdrossenheit der heutigen Jugend: „Es ist einfach nicht wahr, dass die Jugend kein Interesse an Politik hat“, sagte er und ergänzt: „Stattdessen bedarf es aktiver Maßnahmen, um dieses Interesse zu wecken. Formate wie diese sind ein hervorragendes Beispiel, wie wir die Stimme der jungen Generation fördern und ihre Beteiligung an politischen Diskussionen anregen können.“
Stimmen:
Martin Graefe, Freie Wähler: „Die Erich Kästner-Schule ist mit ihrem Politiker-Dialog vorbildlich bei der politischen Bildung von Kindern und Jugendlichen. Das Gespür für politische Zusammenhänge wird durch Fragen zu aktuellen Geschehnissen und dem direkten Kontakt zu politisch Tätigen gefördert. Ich komme gerne wieder zur nächsten Veranstaltung.“
Achim Jäger, FWG: „Es freut mich sehr, dass ich als Vertreter der Freien Wählergemeinschaft Homberg (Efze) an der Podiumsdiskussion an der Erich Kästner-Schule teilnehmen konnte. Die von den Schülerinnen und Schülern entwickelten Fragen zeugen von großem Engagement und einem Interesse an Kommunalpolitik.“
Michael Schär, CDU: „Die Schülerinnen und Schüler sind fest verankert in ihrem gesellschaftlichen Umfeld und zeigen den Willen, dieses aktiv zu gestalten. Für mich war es erbauend, diesen jungen Menschen zu begegnen. Mir war es dabei wichtig zu zeigen, dass Politik bereits in der Kommune beginnt. Man kann gestalten, wenn man sich pragmatisch und bisweilen kreativ mit den Herausforderungen unserer Zeit auseinandersetzt.“
Christoph Sippel, Grüne: „Die Podiumsdiskussion an der Erich Kästner-Schule hat mir erneut gezeigt, wie wertvoll der direkte Dialog zwischen Politik und Jugend ist. Die aktive Beteiligung der Schülerinnen und Schüler fördert nicht nur politische Bildung und Partizipation, sondern vermittelt auch, dass sie ihre Zukunft aktiv mitgestalten können. Das wirkt gleichzeitig einer zunehmenden Politikverdrossenheit entgegen. Zugleich nehmen wir als Politikerinnen und Politiker wertvolle Einblicke und Perspektiven mit. Die Fragen der Jugendlichen zeigen uns, was sie bewegt und beschäftigt. Genau deshalb gehört dieser Austausch in die Schule und sollte viel häufiger vorkommen.“
Luca Fritsch: „Solche Veranstaltungen zeigen, dass unsere Schulen neben der Wissensvermittlung auch Orte der demokratischen Diskussion sind - und damit ist jeder investierte Euro des Schwalm-Eder-Kreises gut angelegt, um gute Lern- und Arbeitsbedingungen zu schaffen.“




April 2025 findet der jährliche Girls' und Boys'Day statt.